Wirkliche armut

Ich durfte eben eine bemerkenswerte szene miterleben. Um sie zu beschreiben, muss ich allerdings ein wenig ausholen.

In meinem blog lumières dans la nuit gibt es für meine leser eine möglichkeit, mir eine kleine spende über päjpahl zukommen zu lassen. Darum habe ich niemals gebeten oder gar aufdringlich gebettelt; ich habe einfach so ein kleines widget mit dieser möglichkeit in die sidebar gepackt. Wer nur sporadisch vorbeischaut, wer nur mal eben in seine guhgell-suchergebnisse klickt, der wird diese möglichkeit gar nicht entdecken. Wer aber interessiert ist, wer der blogroll folgt, wer einen blick in die letzten kommentare wirft, der kann diese möglichkeit gar nicht übersehen. Es ist also vor allem an leser gerichtet, die wiederkommen; sie erhalten auf diese weise die möglichkeit, mich als obdachlosen, bettelnden schreiber ein wenig zu unterstützen. In der tat sind meine gesamten internet-kosten in den letzten monaten immer aus spenden (auch für meine bei jamendo veröffentlichten alben) gedeckt gewesen. Und für dieses stück gefühlter solidarität bin ich meinen lesern wirklich dankbar.

Im gegenzug halte ich alle meine veröffentlichungen völlig werbefrei. Das liegt daran, dass ich werbung hasse. Deshalb möchte ich nicht dazu beitragen, dass meine marginalisierten texte zum transport dieser einseitigen und dummen form der kommunikation missbraucht werden. Auch nicht, wenn ich auf diese weise ein paar eurocent pro klick erhalte.

Es ist also wirklich keine große sache.

Und es ist schon gar nicht eine sache, die mich reich machen würde.

Aber eben saß ich bei jemanden, der mich (noch) nicht besonders gut kennt, und ich tat dort am sprudelnden internetz die kleinen tätigkeiten, die ich eben so tue. Dabei stellte ich fest, dass sich in den letzten acht wochen zwanzig euro spenden angesammelt haben, und die überwies ich auf das konto einer treuen gefährtin, da ich kein eigenes konto habe. Dort wird sich dieses abstrakte buchgeld in etwa einer woche in einen blauen lappen der EZB verwandeln, und dieser wird zum teil meine webkosten finanzieren, zum teil in meinem bauch wandern und zum teil in tabak umgesetzt werden.

Und wie reagierte dieser jemand darauf, der micht nicht besonders gut kennt?

Mit neid.

Ja, tatsächlich mit neid. Ich musste mir dafür, dass ich freiwillige geschenke von menschen erhielt, die kampflos geben, vorwürfe anhören; und ich musste mir die frage anhören, warum denn ausgerechnet ich (als wenn ich ein untermensch wäre) auf solche weise beschenkt würde. Und warum nicht dieser mensch, der doch materiell alles hatte, was mir jeden tag fehlt.

Wer mich kennt, weiß, dass ich kaum um worte verlegen bin. Aber diese reakzjon hat mich zunächst sprachlos gemacht. Wie kann mir jemand diese unsteten, aber doch warmen sympatiebekundungen neiden? Jemand, der mitbekommt, dass ich mir sogar mein tägliches essen zusammenbettle?

Erst einige stunden später errang ich meine fassung zurück, und da begann ich, diesen vorgang zu verstehen. Ich war wohl mit der reakzjon eines menschen konfrontiert worden, der noch niemals etwas geschenkt bekommen hat. Das meint: noch niemals wirklich etwas geschenkt. Natürlich beschenken sich die menschen untereinander zum geburtstag oder zum weihnachtsfest, aber das hat etwas von handel. Sie beschenken sich, weil sie davon ausgehen, geschenke zurück zu erhalten. Dieses schenken ist gar kein eigentliches schenken, es ist ein spiegelbild des allgemeinen kaufens und verkaufens und damit genau so kalt wie jenes.

Und so kommt es, dass ein mensch aus „normalen“, „gesichterten“ verhältnissen einen obdachlosen bettler um einen in der kaufkraft recht geringwertigen geldbetrag beneiden kann. Weil er damit konfrontiert wird, dass auch sein leben von einer armut zerfressen wird, die vielleicht noch größer ist als die meinige.

Und das ist fast noch ein bisschen deprimierender

Eine deinung voller angst

Ach, wie können die menschen doch immer wieder davon reden, was das internet doch für eine revoluzjon sei! In wirklichkeit sind die menschen, die das internet aktiv nutzen, eine parallelgesellschaft, eine verschwindene minderheit. Und sie machen sich allzuleicht illusjonen über die wirklichen verhältnisse.

Eben gerade durfte ich mit einer mutter sprechen. Und sie meinte: „So lange ich kinder habe, kommt mir kein internet ins haus. Das ist viel zu gefährlich.“ Als ich sie darauf hinwies, dass auch ein fernseher recht gefährlich ist, eigentlich sogar das reinste gift auch für die erwachsene und damit erst recht für die kindliche seele ist, da konnte sie das gar nicht einsehen. Sie sagte, dass sie bei ihrer meinung bleibe.

Aber das seltsamste daran: es handelte sich gar nicht um eine meinung. Sie wusste gar nichts über das internet, sie hatte nur die von den medien vermittelte, diffuse angst. Und das reichte ihr als grundlage für die verbannung eines mediums, dass im unterschied zur dumpfen, sumpfigen glotze auch etwas befreiendes an sich hat.