Karma

Eigentlich hänge ich keiner religjon an, die das konzept des karmas in ihrer teolog-ie hat. Aber manchmal glaube ich doch, dass ich ein karma habe; einen satz vorbewusster neigungen, die mein ganzes leben bestimmen. Nicht etwa, weil ich fest stelle, wie sich dieses karma in meinem leben durch das tun äußert, sondern weil ich fest stelle, in welche immer gleichen situazjonen mich dieses leidige karma befördert.

Da ist zum beispiel eine bestimmte kategorie von menschen, die sich von mir etwa so angezogen fühlen müssen wie ein rabe vom kadaver einer fetten ratte. Gut, es ist gar nicht fein, bei menschen von einer „kategorie“ zu reden, doch fehlt mir ein besserer begriff, um es so in den griff zu kriegen, dass ich darüber schreiben kann. Deshalb sei mir das unbeholfene wort gestattet. Diese menschen haben ein großes problem in ihrem leben, nicht so etwas, was sich mit oberflächlicher psychoterapie in ein paar monaten oder jahren wegbeten ließe. Sie haben einen karakter, der es ihnen unmöglich macht, sich mit irgend welchen surrogaten für das leben zu frieden zu geben. Unter den bedingungen des real existierenden konsumismus führt dieser karakter zu einem scheitern auf der ganzen linie; sie sind nicht einmal im stande, die hier so obligatorische trennung zwischen arbeit und freizeit zu vollziehen. Die vom gegenwärtigen gesellschaftlichen prozess von jedem menschen eingeforderte beschränkung der lebendigkeit vertragen diese menschen wesentlich schlechter als der im durchschnitt recht stumpfe normalbürger.

Es sind durchweg interessante menschen, kreativ und gedanklich flexibel. Sie sind mir darin gleich, aber sie wollen einen gedanklichen schritt nicht vollziehen. Sie wollen nicht einsehen, dass sie nun einmal so sind und dass daran nichts zu ändern ist. Der druck, die strukturelle gewalt eines ganz „normalen“ sozjalen umfeldes ist so groß, dass sie nicht widerstehen können, zu dieser trüben bedingung gesellt sich eine schreckliche angst, die scheinbar ohne richtung und ursache ist; der spiegel jener angst, die den gegenwärtigen gesellschaftlichen prozess im laufen hält. Die meisten dieser menschen benötigen drogen oder medikamente, um in den begrifflichen kategorien der marktwirtschaft „leistungsfähig“ zu sein, doch der preis für den jahrelangen abusus ist sehr hoch, da die eh schon eingeschränkte, verkümmerte lebendigkeit vollends unterdrückt wird. Viele von diesen menschen, die mir übern weg liefen, haben irgendwann selbstmord begangen; und zwar in der gröbsten und direktesten art, in der niemand etwas apellatives erblicken könnte. Es war einfach nur ein verzweifelter akt, um einen unerträglichen zustand zu beenden.

In solchen begegnungen erfahre ich immer wieder das gleiche. Spreche ich offen über das, was ich jeden tag meines trüben daseins beobachte, so wird mir zugestimmt, sogar mit begeisterung. Spreche ich aber davon, dass man etwas tun muss, dass jede hoffnung aufzugeben ist, dass ein völliger bruch erforderlich ist, so gewinnt die angst, die große große angst wieder die oberhand und jede begeisterung verschwindet. Nachdem man mehrere tage zusammensaß und manches mal dreißig stunden am stück miteinander sprach, bis die erschöpfung ihren tribut forderte, kommt es zum völligen verebben des kontaktes. Sieht man sich hinterher zufällig wieder, so kann ich sehen, dass weiterhin drogen und medikamente missbraucht werden, und zwar in ständig steigender dosis. Die verzweiflung ist greifbar, aber die gepeinigte psyche ist nicht erreichbar. Eventuell gibt es nach monaten oder jahren ein neues gespräch, häufig aber auch nur die von ferne zugetragene nachricht vom suizid.

Es ist eben mein karma, dass ich so etwas immer wieder erlebe. Und dass ich immer weniger lust habe, mich selbst weiter durch dieses scheußliche, von angst, armut, bettelei und sinnlosen worten erfüllte restleben zu schleppen. Auch ich kann nicht noch stumpfer werden.