Wünschenswertes

Wenn ich nur einen einzigen wunsch frei hätte, denn wünschte ich mir, dass alle zentral organisierten massenmedien für ein jahr ausfielen. Dass die menschen nur für ein einziges jahr auf ihre wahrnehmung und auf echte kommunikazjon zwischen mensch und mensch zurückgeworfen würden, wenn sie sich ihre meinung über etwas bilden. Ich bin gewiss, dass manch mensch in solchem umstand das erste mal in seinem leben bemerken würde, welche dinge etwas mit ihm und seinem leben zu tun haben, und welche dinge eben nichts mit ihm und seinem leben zu tun haben.

In dieser elementaren menschlichen grunderfahrung – so hoffe ich – würden menschen auch ganz von allein eine andere menschliche grunderfahrung wieder machen, die unter der ständigen flut von scheinwichtigkeit längst verschüttet worden ist: die grunderfahrung, dass man sich – bei allen unterschieden – als menschen zusammen tut, um etwas gemeinsam zu bewegen. Machen nur genügend menschen in einem jahr diese eine menschliche grunderfahrung, so bin ich gewiss, dass die revoluzjon geschehen ist, bevor das jahr um ist.

Es gibt da etwas, was mich immer wieder erschüttert.

Das ist der neid der menschen. Der neid auf mein leben. Es ist völlig absurd; menschen ohne existenzjelle not beneiden einen anderen menschen, der in armut und obdachlosigkeit in den tag hinein lebt. Sie sind neidisch auf das, was sich in meinem umfeld tut, sie sind neidisch, dass sich menschen zusammenschließen und mit geringen mitteln und kleiner kraft etwas auf die beine stellen, was sich durchaus sehen lassen kann. Keiner neidet mir meine armut, und ich kann solche lebensumstände auch niemandem empfehlen. Aber man neidet mir, dass ich ein handelnder geworden bin, zwar ein unbekannter, aber doch ein handelnder. Und die form des handelns hat zur folge, dass in meinem umfeld das wort „solidarität“ keine hohle, abgegriffene frase ist, die dem sprechenden aus dem mund fällt, so wie man falschgeld verächtlich wegwirft, sondern eine so selbstverständliche form des miteinanders, dass gar kein bedarf mehr an diesem wort besteht.

Es erschüttert mich immer wieder, weil es so gnadenlos dumm ist. Genau so gnadenlos dumm ist übrigens die bewunderung einiger zeitgenossen, die ich stets entschieden zurückweise.

Jeder kann tun, was ich jeden tag tue. Es ist nämlich nicht viel. Aber keiner kann es allein tun. Wir menschen sind aufeinander angewiesen, das liegt geradezu in unserer körperlichkeit, ist eine bedingung unseres seins. Andere tiere, die von der evoluzjon hervor gebracht wurden, können sich auch allein am leben halten. Nicht so der mensch, der für sich weder besonders schnell, noch besonders stark ist. Ein mensch allein hätte große probleme beim überleben, der mensch ist ein sozjales wesen, ein triebhaft sozjales wesen. Das großes entstehen kann, wenn jeder nur im verfolgen seiner eigenen interessen ein kleines zum gemeinsamen beiträgt, das ist eine menschliche grunderfahrung; da ist ein kern des inzwischen p’litisch durchgefickten wortes „sozjal“. Erfoderlich ist dafür eben, dass jeder auch seine eigenen interessen kennt.

Und genau der sinn dafür, der sinn für die eigenen interessen, er wird durch die zentral organisierten massenmedien täglich aufs neue verblendet. Diese medien sind entsozjalisierend, und sie machen den einzelnen verantwortungslos und dumm. Der faschismus, der dem einzelnen in einer abstrakten gesellschaft jede verantwortung abnimmt, er ist ein kind der zentral organiserten massenmedien und wäre ohne diese niemals denkbar gewesen.

Zu viele menschen wissen schon gar nicht mehr, dass man etwas tun kann. Dabei halten sie sich oft für so gut informiert.

Und das ist die frucht des prozesses, der gegenwärtig über die gesellschaften abläuft.

Deshalb würde ich mir so sehr wünschen, dass nur für ein einziges jahr alle zentral organiserten massenmedien ausfallen mögen. Keine zeitungen, kein rundfunk, keine werbeplakate, keine glotze, keine massenhaft gedruckte reklame in den briefkästen, kein „fahrgastfernsehen“ im nahverkehr, nur noch die leisen stimmen derer, die sonst im mechanischen gebrüll verstummen, nun aber miteinader reden müssen (und das auch zuweilen recht laut tun werden), weil es sonst so still ist. Nur ein einziges jahr, und die welt wäre nicht mehr wiederzuerkennen.