Meine gelegentliche DV-nostalgie

Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich mich angesichts des gegenwärtigen „web 2.0“-wahnsinnes in die anfangszeiten vernetzter kompjuter zurücksehne, die ich ja noch erleben durfte. Die kultur auch noch innerhalb der miesesten mäjhlbox war wesentlich angenehmer als das leere geschwafel und geflacker heutiger „communities“.

Immerhin, man sieht es von seiten der werbenden sprachficker ja ein, dass da nicht viel wirkliche gemeinschaft herrscht, wenn man bezeichnenderweise ein fremdwort zur bezeichnung verwendet…

Aber woher kommt dieses sehnen? Bei mir? Der ich doch eher über die verbesserung technischer möglichkeiten froh bin?

Die verwendete technik war ja damals eher unreif, teilweise sogar ungenießbar. Es gab auch keine technischen standards, auf die man sich als damaliger anwender verlassen konnte und die gesamte benutzerführung war garstig. Das sind auch nicht die dinge, nach denen ich mich sehnen würde. Es war die kultur, die unter diesen an sich eher ungünstigen bedingungen erblühte.

Es sind vor allem zwei kulturelle unterschiede zum heutigen „internetz für alle“, die kwelle meines sehnens werden.

Der erste kulturelle unterschied hat eine technische ursache. Die damaligen kompjuter waren nicht leistungsfähig, von daher gab es keine multimediale präsentazjon. Der geringe datendurchsatz eines modems verbot die verwendung allzu großer dateien. Der damalige stil der kommunikazjon war textbasiert-sprachlich, die so gemachten mitteilungen waren überlegt und recht substanzjell. Dies steht im auffälligen widerspruch zu den zuständen im heutigen „web 2.0“, wo der austausch von unüberlegter verwendung multimedialer möglichkeiten geprägt ist, aber keine besondere substanz mehr hat. Das musterbeispiel für diesen unfug ist das „typische“ myspace-profil, dessen textfelder völlig leer gelassen werden, dass aber dafür dermaßen mit bildern, videos und klängen überfrachtet wird, dass es selbst unter benutzung von DSL mehrere minuten zum laden braucht. Was der profil-ersteller nicht verhunzt, das verhunzen seine „kommentatoren“, indem sie auf das abgeben von kommentaren verzichten, aber dafür möglichst große und sinnfreie grafiken einsetzen.

Der zweite kulturelle unterschied hat eine menschliche ursache. Die damaligen netzwerknutzer wussten, warum sie netzwerknutzer waren, sie sahen in der noch frischen technischen möglichkeit sofort ein subversives sozjales potenzjal. Oder, wie ich kurz zu sagen pflege: sie bemerkten, dass man kompjuter miteinander vernetzt, um menschen zusammen zu bringen. Heutige kompjuternutzer haben dieses bewusstsein nicht mehr, sie scheinen kaum zu wissen, was man mit der technik überhaupt anfangen kann. Dass sie sich einen kompjuter kaufen, ist unreflektierte konformistische gefügigkeit, eine haltung des „es hat ja heute jeder einen kompjuter, also muss ich auch einen haben“. Deshalb lassen sich die menschen auch so leicht die technischen möglichkeiten enteignen, für die sie geld bezahlt haben. Die teilnahme an angeboten zur darstellung und zum meinungsaustausch folgt dem gleichen konformistischen imperativ, der leider nicht damit einher geht, dass sich beim konformisten so etwas wie eine meinung bildet. Das unter diesen umständen mitgeteilte hat etwas leeres und überflüssiges, und von der technik wird vor allem erwartet, dass sie diese leere und überflüssigkeit des eigenen seinsausflusses zu verbergen ermöglicht.

Und deshalb sehne ich mich so oft nach den zeiten zurück, in denen ich mich mit meinem amiga auf die mäjhlbox verbunden habe. So technisch miserabel es war, es hatte noch einen sinn und damit einen sitz in meinem leben.

In den letzten monaten erwische ich mich immer häufiger dabei, dass mir die lust vergeht. Dass ich zwar noch schreibe, und wie mir immer wieder gesagt wird, dass ich das auch gut tue, aber dass ich den ganzen vorgang als etwas mechanisch-sinnloses empfinde. Etwa so, als hätte ich eine kunstvoll und aufwändig gebaute schreibmaschine vor mir, deren ausgeworfene blätter umgehend in einen gierigen aktenvernichter befördert werden. Denn genau so wie in diesem bild kommt mir das kommunikative umfeld des gegenwärtigen internetz immer wieder vor. Und alles, was man darin tut, geht in die flammen, in das nichts – und wenn es nicht gerade zur unterhaltung und ablenkung der massen taugt, geschieht dies auch völlig unbeachtet.

(Ich bin übrigens froh, dass dieses blog völlig unbeachtet ist und nur von einigen fänns gelesen wird. Denn so ermöglicht es mir menschliche mitteilungen, die in meinen „richtigen“ blogs sofort vom gierigen zynismus etlicher leser zerrissen würden.)

Ach, es ist november. Wer sollte nicht melancholisch werden!