Das versagen der technik

Warum steckt in aller technik so viel perfidie, dass sie immer auf den ungüstigsten moment für ihr versagen wartet?

Ich sehe es schon kommen. Eines tages werde ich meines einsamen weges auf ebenso einsamer straße gehen. Und dann wird es geschehen: ich werde zum ersten mal in meinem leben ein UFO sichten. Und während ich überrascht von dieser wahrnehmung bin und eine hypotese nach der anderen bilde, um diese erscheinung in die konzepte meiner alltagswahrnehmungen einzuordnen, während ich wegen der gebieterischen wirklichkeit dieses dings nach und nach die annahme eines flugzeuges, eines sateliten, eines ballons, eines modells, eines hubschraubers und einer begegnung mit dem fliegenden spagettimonster verwerfen muss, nähert sich das ding. Und schließlich landet es vor mir auf der straße, kein mensch in der nähe, und ich kann es in aller ruhe betrachten, ganz nah und wahr. Eine große halbkugel steht vor mir, ganz so, wie grünlich leuchtende, große halbkugeln eben nicht mitten auf einer einsamen landstraße zu stehen haben.

Es wird sein recht fordern, dort zu stehen und sich nicht darum kümmern, dass es nach meiner erfahrung und nach meinen voruteilen gar nicht existieren dürfte. Das grünliche leuchten lässt langsam nach, ganz so, als würde man eine lampe mit einem dimmer langsam abdunkeln. Die oberfläche dieses dinges wird sichtbar. Es ist keine erscheinung aus licht, es ist fest und materiell. Die halbkugel sieht metallisch aus. Ein leises summendes geräusch ist in der luft, ein ganz leises leises. Und die reich ionisierte luft riecht, als stünde ich vor der ozonschleuder eines läserdruckers. Das gelle, abendliche gezwitscher der vögel ist dem schweigen gewichen, nachdem die angst flügel bekommen hat, in weiter ferne heult ein hund.

Während ich noch in einer tasche nach dieser halbkaputten digitalkamera grabe, die mich jetzt seit einigen monaten als permanente leihgabe eines freundes treu begleitet und die für ihr frühes technisches stadium und ihren stark beschädigten zustand erstaunlich gute fotos macht, geschieht etwas auf dem ding. Was zuvor aussah, als wäre es eine metallische fläche aus einem guss, zeigt plötzlich eine feine rille, genau in meiner richtung. Die rille formt einen hellleuchtenden spalt, der spalt eine klappe, die klappe formt schließlich einen ausstieg, und ich schaue dieser form gleichermaßen fasziniert und angstvoll zu, wie sie sich formt. Endlich habe ich meine kamera in der hand. Aus dem ausstieg erst gleißes licht, dann kommt eine gestalt, ganz anders als erwartet. Nicht ein kleiner grauer, wie er in den städtischen mühten der neuzeit beschrieben wird, aber auch nicht etwas so fremdes, dass es völlig unfassbar wäre. Es ist ein wesen, ein individuum zweifelsohne, mit einem körper, mit auswüchsen an diesem körper, es zeigt mir, dass die gesetze der evoluzjon auch andernorts nicht willkürliches hervorbringen. Auf der verdickung am oberen ende des fremden körpers sitzen sinnesorgane, es ist ja auch sinnvoll, dass sie oben sind und übersicht über das umgebende erhalten. Und auch diese vier extremitäten zur fortbewegung, robust und fremd mit ihren drei gelenken, sie können nicht an anderer stelle als unten sein, das wird mir sofort klar, als ich es in seiner fremdheit vor mir sehe. Aus der mitte des körpers erwachsen vier kräftige, flexible auswüchse, die ein wenig an die tentakeln eines oktopeden erinnern, aber doch wie nichts aussehen, was jemals ein mensch gesehen hat. Auch auf fremden planeten gibt es eine günstigste griffhöhe, und das überleben des fittesten kann erstaunlich vertraute formen heranbilden. Hinter dem ersten anderen tritt aus dem schmerzenden grell das zweite andere, sie sind gleich groß und sehen für meine augen identisch aus.

Zwei drei meter hohe fremde stehen vor einer blendenden klappe auf der straße, geisterhaft erleuchtet und doch so real wie eine tote nachtigall. An den verdickungen am oberen ende ihres körpers sitzen jeweils vier feuchte, konvexe rundungen, die das reflektierte licht meiner welt durch ein großes schwarz in ihr fremdes bewusstsein schaufeln. Sie sind auf mich gerichtet, und nein, gelassen bin ich nicht. Sie sehen, wie ich etwas ungeschickt und hektisch mit einem kleinen plastikkasten herumhantiere, der ihnen gewiss so rätselhaft ist wie mir die erscheinungen ihrer welt rätselhaft wären.

Es ist die digitalkamera.

Es ist meine digitalkamera, die nicht funkzjoniert, weil der akku genau in diesem moment nicht mehr genug strom liefert. Ich bin verzweifelt. Und ich werfe die digitalkamera in meiner verzweiflung wutentbrannt auf die straße. Ein lautes, krachendes geräusch, das plastikgehäuse bricht in viele stücke, einzelne teile springen durch den dunklen abend. Was ich tue, tut mir schon vor dem aufprall leid, denn die kamera hat mir gute dienste geleistet. In meiner rohen wut auf das versagen der technik im ungünstigsten augenblick und in der überforderung durch diese ganze situazjon weine ich verzweifelt, geräuschlos und sehr heftig. Mit tränengetrübtem blick erahne ich mehr, als dass ich es sehen würde, wie die beiden anderen mit der ihnen eigenen langsamkeit wieder in die luke steigen, und als ich mir die kleben tränen aus den augen wische, erhebt sich die metallische halbkugel mit widernatürlich anmutendem, orangem glimmen zum himmel.

Sie werden niemals wiedergekommen.

Und in ihrem abschlussbericht zur missjon erde wird es heißen: „Die dort lebende technische zivilisazjon der klasse A2 ist für einen zivilisatorischen transfer nicht tauglich. Die individuuen dieser zivilisazjon beginnen sofort mit der zerstörung ihrer eigenen entwicklungen, wenn sie einer offensichtlich überlegenen zivilisazjon begegnen. Dieser irrazjonale vorgang ergreift nicht nur ihre technischen gerätschaften, auch die wesentlichen leistungsträger ihrer körper werden offenbar bewusst unbrauchbar gemacht. Beim erstkontakt mit einem ihrer individuuen haben wir uns wieder entfernt, um einen möglichen suizid abzuwenden.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.