Vom leben auf der straße

ARD videotext, seite 407, 25. juli, 20:30 uhr:

Unter dem Titel „On the Road“ widmet sich das rock’n’popmuseum im westfälischen Gronau ab dem 10.August in einer Sonderausstellung dem Leben auf der Straße. Präsentiert würden Aspekte wie Trucker in Deutschland, Wanderarbeiter („Hobos“) in den USA oder Roadies einer tourenden Band, kündigte das Museum an. Die Straße sei „weit mehr als ein Band aus Asphalt auf dem Fahrzeuge rollen“, so die Ausstellungsmacher.

Ah ja, werte kulturbeflissene macher einer solchen ausstellung, alles mögliche lebt also auf einer straße, die mehr als ein fließband für röhrende, stinkende blechbeulen sein soll. Nur nicht so ein obdachloser, der lebt nicht auf der straße. Der wird einfach ausgeblendet von eurer tollen sicht von der straße, die ihr da den leuten in form einer ausstellung in die hirne beizt, auf dass sie genau so blind werden, wie es hier staatstragend so erwünscht ist, dass solcherart angebot sogar seinen weg in den videotext des staatsfernsehens der BRD nehmen kann.

Als jemand, der ebenfalls und vielleicht etwas wirklicher als jeder „roadie“ und „trucker“ auf der straße lebt, ist mir jedenfalls noch kein „trucker“ und auch noch kein „roadie“ begegnet, aber jede menge ganz alltägliches und mit dem schlachtstock aus den innenstädten weggeprügeltes elend übern weg gelaufen — neben der ganzen armut, die noch eine reguläre behausung hat, sich aber auch bettelnd durch das dasein schlägt.

Aber das darf es hier ja nicht geben, und deshalb definiert ihr das leben auf der straße einfach um. Es muss sich wohl um eine form der kunst handeln bei diesem umdefinieren, deshalb landet es auch in einem museum. Wie nennt man diese kunstform bloß? „Neue sachlichkeit“ war etwas anderes. Ah, jetzt weiß ich es wieder: Man nennt diese kunstform „neusprech“.

Vom verschreiben

Früher, als ich noch nicht direkt um die dinge bettelte, die ich zum leben benötige, sondern mich als abhängig beschäftigter arbeitsbettler durchs leben schlug, da habe ich auch als programmierender gearbeitet.

Wer nicht selbst programmiert, hat in der regel eine völlig falsche vorstellung von der natur dieser arbeit. Es ist erstaunlich, wie viel man beim programmieren zu lesen hat, ob es sich nun um die dokumentazjon benutzter biblioteken, um API-schnittstellen oder auch nur ganz allgemein um handbücher handelt. Jeder programmierer liebt dokumentazjon, die am bildschirm lesbar ist und mit vielen beispielen typischer anwendungsfälle daher kommt, die man direkt über die zwischenablage in den editor befördern kann, um sie an die eigenen aufgaben anzupassen. Und jeder programmierer hasst fehler in solcher dokumentazjon.

Als ich mich zum beispiel mit der manchmal etwas ungewöhnlichen SQL-syntax der SQL-datenbank von gupta (die hießen zwischendurch auch mal centura) herumschlug und noch nicht so recht auskannte, da habe ich immer wieder einmal ein beispiel aus der dokumentation eingeflogen, um es mir anzupassen. Und dabei habe ich so manche überraschung erlebt, weil diese beispiele fehlerhaft waren. Um mich mit dem völligen hohn zu übergießen, waren diese fehler in der gedruckten dokumentazjon beseitigt — ganz offenbar wurden die hilfetexte aus einem anderen dokument erstellt, und man hatte auf guptas seiten im veröffentlichungsdruck nicht immer die allergrößte sorgfalt walten lassen.

Aber die geschichte hatte auch ihr gutes, denn gupta ist nicht microsoft. Als ich einmal aus ganz anderen gründen den support anrief (teures ferngespräch in die USA, abstottern auf englisch, nuschelnder südstaaten-dialekt auf der anderen seite der leitung — gut, dass das nicht mein geld war…), da nutzte ich gleich die gelegenheit, diese handvoll fehler in der dokumentazjon zu melden. Und zu meiner größten verwunderung wurden alle von mir gemeldeten fehler im nächsten pätsch der entwicklungsumgebung korrigiert. Als jemand, der es gewohnt war, wie microsoft seine korrekturen irgendwo in den tiefen des MSDN-geraffels verbarg, erlebte ich so etwas wie eine begegnung mit einer anderen welt. Seitdem weiß ich, dass es sich manchmal wirklich lohnt, fehler in einer dokumentazjon zu melden.

Manchmal aber ist es gut, auch die offensichtlichen fehler aus der dokumentazjon zu übernehmen, sie könnten nämlich zum standard geworden sein. Mein liebstes (allerdings inzwischen historisches) hass-beispiel ist der RFC für das protokoll HTTP. Irgend jemand hat sich dort beim schlüsselwort für die übermittlung der verweisenden URI vertippt, er schrieb falsch „Referer“ statt korrekt „Referrer“. Dieser tippfehler ist zum bestanteil des HTTP-standards geworden, und er ist es bis heute; die falsche schreibweise ist technisch korrekt. Ich habe schon mehr als einmal erlebt, dass menschen falschen programmkohd schreiben, weil sie eben korrektes englisch schreiben. Die zwischenablage wäre hier besser gewesen…

Der vogel

Ich war mit ihr durch linden unterwegs, das feste ziel war nicht vorhanden. Plötzlich, mitten im gehen, hielt ich inne. Denn in der mitte des fußweges saß ein kleines knäuel grauer vogel, aufgeplustert und etwas zitternd, aber unfähig, wie ein freier vogel vor uns wegzufliegen. Sie wäre fast darüber geschritten, so unerwartet war dieser anblick.

Wir nahmen das arme bündel leben in die hand. Es war ein grauer vogel, noch jung, aber der schnabel zeigte nicht diese typische, am rande stehende verfärbung, wie sie oft bei ganz jungen, gerade dem neste entkommenen vögeln sichtbar wird. Ein auge war halb geschlossen, das andere offen und wach. Der vogel war grau, aber wir konnten nicht entscheiden, von welcher art er war. Hätten wir ihn nicht genommen, er wäre gewiss in den nächsten minuten zu einem hundespielzeug geworden, wenn ihm nicht ein unachtsamer fuß die knackende erlösung gegeben hätte.

Dieser vogel war offensichtlich sehr stark angeschlagen. Seine angst vor uns war spürbar, aber er war nicht imstande, etwas zu unternehmen. Und wir waren uns wirklich unschlüssig, wie wir mit diesem tier umgehen sollen. Es war uns sofort klar, dass wir den vogel nicht einfach so mitten auf einem weg für fußgänger, hunde und rasende radfahrer liegen lassen wollten. Doch waren wir hin- und hergerissen zwischen der entscheidung, dem hilflosen tier mit quicken ruck das genick zu brechen, um sein leiden zu beenden oder es irgendwo hinzusetzen, wo es noch eine schangse hat, sich in den nächsten minuten aufzurappeln. Niemand halte mich für ein weichei, aber ich war nicht dazu imstande, das tier totzumachen. Und sie nahm auch immer mehr von dieser idee abstand.

Sie kletterte mit dem vogel über einen zaun und eine hecke, um ihn in einem von hunden unbehelligten vorgarten abzusetzen. Denn wir sagten uns, dass man der natur wohl ihren lauf lassen solle. Die kurz aufkommende idee, das kleine tier einfach in ihre wohnung zu nehmen, haben wir sofort als kwälerei eines wildtieres verworfen. Während sie also den vogel in eine relative sicherheit vor hunden brachte, blieb ich auf dem weg, um unser beider fahrräder zu bewachen.

Eine tochter mit ihrer mutter kam des weges, und beide schauten sie sich angestrengt um, als hielten sie nach etwas ausschau. Doch da, wo sie suchten, da stand ich mit zwei fahrrädern und einer leicht getrübten stimmung. Die mutter fragte mich, ob ich einen vogel gesehen hätte, und ich erzählte kurz die geschichte und was wir da taten. Dabei erfuhr ich, dass das vöglein der tochter beim radfahren in die speichen geraten sei, woraufhin die tochter zu ihrer mutter rannte.

Schließlich standen wir zu viert an der hecke und schauten sehr interessiert auf einen vogel, der uns sonst gar nicht aufgefallen wäre. Wir sprachen über nahrungsketten, den tod, die existenz von raubtieren, den speiseplan von katzen — alles temen, die die kleine tochter mit ihren acht jahren das erste mal in ihrem leben hörte. Zu dem widerstreben, mit dem sie diese mitteilungen aufnahm, mischte sich ein gehöriges maß faszinazjon für die vorgänge in einer natur, die ihr als echtes stadtkind wohl bislang sehr fremd gewesen, so sehr wir alle als recht unbedeutender teil auch in diesen prozessen aufgehen. In ihr erwachte eine ahnung.

Während der dreißig minuten, die wir dort standen, begann der vogel in seiner lust nach dasein zu fiepsen und einen platz mit besseren sichtschutz einzunehmen. Wir fragten uns, wie es ihm wohl ergehen wird, und ich schraubte meinen sonst so schwarzen pessimismus ein wenig zurück. So sehr ich auch glaubte, dass die nächste freilaufende katze ein leichtes mahl finden würde, so sehr zeigte ich dem kleinen mädchen auf, dass es im leben immer eine möglichkeit gibt, wenn der lebende nur aktiv ist und nicht die dinge fatalistisch über sich ergehen lässt. Und ich bin mir gewiss, dass die kleine tochter, die sichtbar stolz auf ihre fortschritte im schreiben war, in dieser halben stunde mehr für ihr leben relevante dinge gelernt hat, als in zwei jahren dumpfer beschulung und in acht jahren des fernsehens.