Digitalbullschitt des jahres

Ja, ich weiß, das jahr ist noch jung. Aber das hier ist so gaga, das wird nicht mehr übertroffen werden:

Telekom will Fußgänger, Radfahrer und Autos vor Kollisionen warnen

Seltsam, ich habe dafür immer augen und ohren benutzt. Und bevor es diese scheißwischofone gab, haben das die meisten menschen so gemacht. Gut, die paar, die es nicht gemacht haben, haben sich leider nicht wirksam genug rausgemendelt. Und dann kam die senkkopfzombifizierung über die welt. Jetzt fahren menschen blind auto, blind und taub fahrrad oder gehen blind als fußgänger durch den straßenverkehr. Und Darwin ist immer noch zu faul bei der natürlichen zuchtwahl.

Was haben sich die telekomiker denn schönes ausgedacht, um mein leben als verkehrsteilnehmer noch besser und sicherer zu machen?

Die Deutsche Telekom und Continental arbeiten an einem System, das sämtliche Teilnehmende am Straßenverkehr vor Kollisionen warnen soll. Sie soll auf GPS, Beschleunigungssensoren, Mobilfunk und Cloud Computing basieren.

Ein Auto beispielsweise übermittelt seine Position und Beschleunigungswerte per Mobilfunk in die Cloud, erläutert Continental. Radfahrer senden diese Informationen von einem Smartphone oder vernetztem Fahrradcomputer ebenfalls dortin. Dort werden die Wege für die nächsten fünf Sekunden berechnet; wer zu kollidieren droht, bekommt eine Warnung zugeschickt. Für eine möglichst schnelle Kommunikation soll immer der Cloud-Rechner angesprochen werden, der am dichtesten am Ort der möglichen Kollision liegt – Multi-Access Edge Computing genannt.

Wenn da jetzt auch noch „blockchain“ drin wäre, hätte ich BINGO gerufen.

Es ist schon schön, wenn mein händi nochmal piep sagt, kurz bevor der vierzigtonner mich und mein rad ins grab schiebt. Vorausgesetzt, der vierzigtonner hat auch dieses tolle telekom-continental-system an bord.

Aber bevor ich gerade noch meinen rant darüber runterschreiben wollte, dass heise jetzt wirklich jeden irrazjonalen PResseerklärungsmüll abschreibt, den sich ein werber im lackrausch aus seinem gehirn geschissen hat, habe ich wenigstens diesen einen heiteren absatz noch gelesen, und der rettet den ganzen artikel:

Aus der Mitteilung geht nicht hervor, ob Fußgänger gewarnt werden, bevor sie mit anderen Fußgängern kollidieren oder ob das technisch ausgeschlossen wird. Anfragen dazu konnte die Telekom bisher fronleichnamsbedingt nicht beantworten

Bwahahahahaha! 🤣️

Ich habe wirklich einen moment lang geglaubt, dass die schreiber in der karl-wiechert-allee gar nix mehr merkten.

ODER war das etwa eine ernstgemeinte frage? BITTE sag mir jemand, dass der heise-schreiberling diese frage nach der verhinderung von fußgängerkollisjonen nur gestellt hat, damit ich etwas zum lachen habe! 😨️

Ja, heise, so tief bist du gesunken. Ich zweifle dran.

Hier noch ein etwas ernsterer inhaltlicher kommentar zu dieser absurden heise-meldung. Ich hätte dabei ja nicht ernst bleiben können.

Ich glaube übrigens, das tolle neue wort für das, was man früher als Mobile Edge Computing bezeichnet hat, benutze ich hier mal besser als häschtägg. Ich glaube, da kommt noch ein bisschen was hinterher. Schließlich haben sie die lösung ohne problem namens 5G hier in der BRD eingeführt und müssen jetzt ganz dringend die probleme finden, die mit 5G überhaupt gelöst werden¹. Aber dass die bei diesen überlegungen in ihren konferenzen so viele lackeimer leersaufen! Niemals hätte ich das gedacht. Die telekomiker! Und die weltbekannte informazjonstechnik-spitzenunternehmung continental!

¹Es gibt keinen mir bekannten anwendungsfall, der 5G erforderlich macht. Ein solcher anwendungsfall ist nach meinen kenntnissen auch in den näxsten fünf jahren nicht abzusehen. Die manchmal als letzter argumentativer strohhalm an den haaren herbeigezogenen industriellen anwendungen lassen sich genau so gut mit WLAN oder gar netzwerkkabeln abdecken, weil ja alle vorgänge ortsfest sind, und damit ist die latenz im netzwerk gering genug. Mögliche anwendungen mit der latenz von 5G wären tatsächlich systeme im straßenverkehr. Wie absurd die vorstellung derartiger anwendungen ist und auch in absehbarer zeit noch sein wird, wird aus dem heise-text hoffentlich deutlich genug. 5G ist eine lösung ohne problem. Weder für ein problem mit der latenz, noch für ein problem mit der datenrate. 4G mit voller datenrate (ein gigabit pro sekunde) würde für das striehming eines filmes in kinokwalität ausreichen — und da wäre noch bandbreite übrig, und zwar mehr, als die meisten BRD-bewohner mit ihrem festnetzanschluss haben. Übrigens wurde in der BRD bis jetzt bei keinem mobilfunkanbieter auch nur die mögliche datenrate von 4G ausgeschöpft. Und sie scheint auch nicht vermisst zu werden. Bis das gigabit pro sekunde nicht mehr ausreicht, muss schon jemand holodeck-versjonen von kinofilmen übertragen wollen.